Birte Pauls zu TOP 25: Wir brauchen eine umfassendere Lösung im Bereich der Notfallversorgung

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Kiel (ots) – Wenn der Schnupfen in die Ambulanz geht…Das Resultat: Überfüllte Ambulanzen, genervte Patienten, lange Wartezeiten auch für den wirklichen Notfall, überarbeitendes Klinikpersonal, immense Kostensteigerung. Es gibt 3 voneinander getrennte Bereiche in der Notfallversorgung: Den ärztliche Bereitschaftsdienst, die Notaufnahme und der Rettungsdienst. Während der allgemeinen Öffnungszeiten steht der Hausarzt zur Verfügung. Aber immer mehr Menschen wollen nicht auf Termine beim Hausarzt warten, auch nicht, wenn die Beschwerden in keinster Weise einer Notfallbehandlung bedürfen. Der Anstieg der Behandlungen in den Notfallambulanzen um 143 % in den letzten Jahren spricht Bände. Und viele, besonders ältere Menschen sind einsam und alleine und können Symptome evtl. nicht gut einschätzen, sie bekommen Angst und rufen die 112 und damit oft den Krankenwagen. Daraus kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Andere rufen aber die 112 aus einer “Pizzadrive – Mentalität” heraus, in der Hoffnung lange Wartezeiten zu umgehen. Das ist allerdings extrem zu kritisieren, denn die anlasslose Bindung eines RTW’s kann für den wirklichen Notfall gefährlich werden. Der Anstieg der sogenannten “Servicefahrten”, also Rettungseinsätze ohne Krankentransport ist in den letzten Jahren um 134 % gestiegen. Die Notfallversorgung im Krankenhaus ist in der Tat ein wichtiges und wachsendes Thema der Gesundheitsversorgung Schleswig-Holsteins. Die Kliniken und die Kassenärzte sind sich wegen der Notfallversorgung nicht einig, die Sektorengrenzen nicht klar definiert und durch die hochqualifizierte Notfallversorgung, die aber oftmals gar nicht nötig ist, werden Gelder in Milliardenhöhe verschwendet. Wenn wir die Sektorengrenzen überwinden wollen, muss das mit allen Akteuren gut abgestimmt, logisch und gründlich passieren und nicht im Schnellschuss allein mit Öffnungszeiten oder regionalen Konzepten. Eine umfassende Lösung ist dringend geboten, aber dafür reichen Öffnungszeiten, von denen wir gar nicht wissen, wie wir sie bei dem vorhandene Fachkräftemangel besetzen sollen , bei weitem nicht aus. Der Sachverständigenrat Gesundheit hat ein Gutachten mit dem Titel “Bedarfsgerechte Steuerung des Angebots und der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen” in Arbeit, das im Frühjahr 2018 vorgestellt werden soll. In einem Werkstattgespräch wurden im September sehr interessante Zwischenergebnisse präsentiert und diskutiert, die wir in unsere Überlegungen einfließen lassen sollten. Das fängt schon bei der ersten Kontaktaufnahme an. Die Notfallrufnummer des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 ist größtenteils unbekannt, die 112 hingegen lernt man schon in der Schule. Eine einheitliche Nummer und eine erste standardisierte Befragung und Beratung am Telefon durch speziell geschultes Personal wie z. B in anderen europäischen Ländern könnte helfen, den ratsuchenden Menschen zu beruhigen, die Dringlichkeit einer Notfallbehandlung einzuschätzen und die entsprechenden richtigen Schritte einzuleiten. Unsere Notfallambulanzen brauchen in der Tat ein neues System. Die Steuerung von Patienten alla Triage – Zone in Integrierten Notfallzentren macht vielleicht Sinn, darf aber nicht zum ” Aussortieren von Patienten” je nach Kassen- oder Organisationslage führen. Ein anderer Aspekt ist die Ausbildung der Ärzte. Ein Facharzt für Notfallmedizin gibt es zwar in anderen Ländern, aber nicht in Deutschland. Auch das könnte die Situation in den Ambulanzen entschärfen.

Auch andere Ideen gibt es bereits:

   - Vielleicht müssen wir ja sogar auf das in Jahrzehnten bewährte 
     Projekt der Polikliniken zurückkehren.
   - Die Ausweitung der Sprechzeiten niedergelassener Hausärzte 
     könnte gefördert werden, mobile Angebote sind in der 
     Erprobungsphase. Samstag und Abendsprechstunden könnten bei den 
     Vertragsärzten vermehrt angeboten werden. - Gezielte Information
     und mehrsprachige Aufklärung über das System der 
     Notfallversorgung sind notwendig. Und ganz sicher werden 
     E-Health-Angebote und Notfallapps-Angebote einige Lücken 
     schließen können. Bei all unseren politischen Überlegungen muss 
     der Mensch im Mittelpunkt stehen. Selbstverständlich darf es 
     ausschließlich darum gehen, die notwenige Behandlung zur 
     richtigen Zeit zu organisieren. Das muss bei allen Überlegungen 
     und neuen Wegen das Ziel sein. Dafür müssen Kassenärzte, 
     Krankenhausträger, Notfallrettung und am Ende auch die Kassen 
     selbst sowie weitere Akteure im System finanziell in die Lage 
     versetzt werden, diese Leistung zu erbringen. 

Wir plädieren dafür, diese vielen Ansätze im Ausschuss ausführlich und sehr gründlich zu besprechen. Dafür sollten wir das Gutachten des Sachverständigenrates abwarten, uns mit dem Projekt des Aqua-Instituts beschäftigen sowie das neue Notfallkonzept des Gemeinsamen Bundesausschuss ansehen und vor allem die Akteure einladen, um das Richtige zu vereinbaren und erfolgreich gemeinsam zu beschließen. Wir haben uns bewusst entschieden hier keine weiteren Ergänzungen zu beantragen, sondern im Fachausschuss diese einzelnen von mir dargelegten Ansätze durch umfassende Anhörungen, Bewertungen und Stellungnahmen auf den Weg zu bringen.

Gerne sind wir bereit, unseren Beitrag für eine Neuaufstellung der Notfallversorgung zu leisten, aber uns ist der vorliegende Antrag einfach zu kurz gesprungen

Pressekontakt:

Pressessprecher:
Heimo Zwischenberger (h.zwischenberger@spd.ltsh.de)

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Original Quelle Presseportal.de

Bilder „Wir sind Wertheim“ , am Marktplatz ,11.September.2011