Bürger schildern ihre Erfahrungen mit der Lea Wertheim – Diffuses Unbehagen, kaum konkrete Vorfälle

Die Polizei muss mehr Präsenz zeigen. Diese Hauptforderung durchzog den Diskussionsteil der gemeinsamen Sitzung der Stadtteilbeiräte Reinhardshof und Wartberg, die am Donnerstagabend im Begegnungscafé der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes für Flüchtlinge (Lea) stattfand. Streifenwagen sollten an Bushaltestellen postiert werden, wenn Schülerinnen und Schüler ankommen, damit diese sicher von dort nach Hause laufen könnten. Ordnungshüter sollten aber auch eingreifen, wenn größere Gruppen, vornehmlich erwachsener, Flüchtlinge sich auf Spielplätzen aufhalten oder durch den Reinhardshof und den Wartberg in die Stadt laufen. Die Beispiele zeigen: Konkrete Vorfälle wurden aus den Reihen der rund 120 Besucherinnen und Besucher der knapp zwei Stunden dauernden Informationsveranstaltung kaum genannt. Es war eher ein allgemeines Unbehagen, das bei vielen spürbar wurde und das sich in den Aussagen „unsere Frauen und Kinder haben Angst“ manifestierte.

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Oberbürgermeister Stefan Mikulicz hatte nach der Begrüßung und ersten Sachstandsberichten (siehe weiteren Bericht) dazu aufgefordert, persönliche Erlebnisse zu schildern. Er wolle wissen, „was bewegt jeden einzelnen“. Ein Besucher berichtete daraufhin von „bettelnden Flüchtlingen“, die im Dezember am späten Nachmittag nach Einbruch der Dunkelheit an Haustüren geklingelt hätten. Man stelle sich vor, diese hätten das bei älteren, alleine lebenden Frauen gemacht. Er habe die Polizei benachrichtigt, die aber nichts habe machen können und sich auch an die Presse gewandt, die zunächst „jemanden vorbeischicken wollte“, dann aber doch nicht gekommen sei. Betteln an sich, so Erster Polizeihauptkommissar Olaf Bamberger, sei in Baden-Württemberg nicht verboten. Aggressives Betteln aber schon. In mehreren Fällen, denen man nachgegangen sei, hätten sich die Bettler allerdings nicht als Flüchtlinge, sondern als Personen osteuropäischer Herkunft erwiesen, „die mit der Erstaufnahmeeinrichtung nichts zu tun haben“. Der Leiter des Polizeireviers Wertheim forderte dazu auf, nicht sofort die Tür aufzumachen, wenn dort fremde Menschen stünden.

Von einer Gruppe dunkelhäutiger Flüchtlinge hatte sich eine Bürgerin der Bestenheider Höhe bedrängt gefühlt. Und sie habe Angst um ihre Kinder. Sie schilderte einen persönlich erlebten Vorfall an einem der Einkaufsmärkte am Reinhardshof, den sie als Belästigung empfunden habe. Sie gehe nicht mehr alleine einkaufen, „nur noch zusammen mit meinem Mann“. Eine andere Mutter meinte, ihr elfjähriger Sohn sei es „nicht gewohnt, so viele Männer alleine laufen zu sehen“, die dann auch noch stehen blieben und ihn angeschaut hätten. „Ich kann meinem Kind nicht sagen, du brauchst keine Angst zu haben“, das könne sie nicht verantworten.

Sie kritisierte zudem, dass es in der Erstaufnahmeeinrichtung ein Alkoholverbot gebe und die Flüchtlinge dann eben woanders, etwa an den Einkaufsmärkten, trinken. Oberbürgermeister Mikulicz forderte dazu auf, „Selbstbewusstsein und Zivilcourage“ zu zeigen. „Es ist wichtig, die Leute in die Schranken zu weisen“, wenn man der Meinung sei, sie verhielten sich falsch. Und Alex Schuck ergänzte, „auch wenn die Leute kein Deutsch sprechen, verstehen die das“.

Josef Schneider verglich die aktuelle Situation mit der in den neunziger Jahren, als sehr viele Russlanddeutsche auf den Wartberg zogen. „Fast alles, was hier zu hören ist, ist Hysterie“, stellte er fest. „Damals sind dieselben Parolen gegen Ihre Volksgruppe verbreitet worden“, erinnerte er und forderte, „glauben Sie doch nicht jedes Gerücht“. Auch Klaus von Lindern, Mitglied des Stadtteilbeirates Wartberg, erinnerte daran, dass die neunziger Jahre für den Stadtteil ebenfalls eine schwierige Zeit gewesen seien und es viele Gerüchte gegeben habe, die sich als nicht wahr erwiesen hätten.

Der Leiter der Lea, Mirco Göbel, machte deutlich, dass man nicht gegen alles, was von den Menschen als „unbehaglich“ empfunden wird, etwas tun kann. „Was sollen wir gegen ‚Rudellaufen‘ machen? Das ist nicht zu verhindern.“ Klaus von Lindern, Mitglied des Stadtteilbeirates Wartberg, bot an, Gruppen von Flüchtlingsmännern in die Stadt zu begleiten, um sie diesen zu zeigen. Außerdem regte er an, Flüchtlinge in die Aktion „Saubere Landschaft“ am 12. März einzubeziehen. Göbel wiederum rief dazu auf, sich im Begegnungscafé zu engagieren und wies auf die Möglichkeit hin, jeden Freitag zwischen 14 Uhr und 16 Uhr nach Voranmeldung die Erstaufnahmeeinrichtung zu besichtigen. Die sei auch eine Gelegenheit, mit ihm zu reden. „Wo die Polizei tätig werden kann, wird sie es tun“, so Olaf Bamberger.

Es habe „Not getan, dass wir wieder einmal miteinander sprechen und Probleme und Problemchen, die aufgelaufen sind, vorbringen konnten“, lobte Klaus Kohn zum Abschluss. Man müsse mit den Menschen reden, um Ängste auszuräumen. „Das sollten wir vielleicht wieder öfter machen.“

Stadtverwaltung Wertheim