Hechten, stürzen, aufstehen / Leitartikel von Hajo Schumacher zu Boris Becker

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Hechten, stürzen, aufstehen
Leitartikel von Hajo Schumacher zu Boris Becker

Berlin (ots)

 

Der junge Mann fliegt waagerecht durch die Luft, die Hand mit dem Schläger vorbildlich angewinkelt. Verwegen, hungrig und selbstgewiss fixieren seine Augen den Filzball. Er kriegt ihn. Und wenn nicht, hat er zumindest alles versucht. Boris Becker – ein Mann, ein Hecht, ein Mythos. Nicht viele Bilder haben sich derart ins kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt wie der fliegende Tennisprofi. Der niedergeschlagene Uwe Seeler vielleicht noch. Oder Beckenbauer, einsam auf der Weite des Feldes. Die Vernunft sagt: Was kümmert mich der Kerl? Aber das Gefühl ist stärker: Was hat er denn jetzt wieder angestellt? Wie sieht er aus? Hält er durch?

Der jüngste erdbeerblonde Leimener, der je Wimbledon gewann, ist Teil der jüngeren deutschen Geschichte. Und alle bekommen es mit. Wie die Windsors und die Briten sind Boris Becker und die Deutschen einen faustischen Pakt eingegangen. Er veröffentlicht sein Leben, die Interviews wiederum werden fürstlich bezahlt. Ist ja kein Zufall, dass die Knastgeschichte pünktlich zum Fest von einem Streamingdienst als gebührenpflichtiger Mehrteiler angeboten wird. Der Weltkonzern Apple erwartet offenbar, dass Becker sein zweifellos sportliches Antrittsgeld wieder einspielt. Fast könnte man meinen, da sei einer auch hinter Gitter gegangen, um Stoff für weitere Folgen zu sammeln. Becker, Held und Schmerzensmann, garantiert mehr Aufmerksamkeit als Kanzler und Bundestrainer zusammen, bei Fans wie Gegnern. Jeder Satz ein Sieg, erst recht nach 230 Nächten im Knast. Erstklassiger Unterhaltungsstoff. Und er hat wieder durchgehalten, hat Mitgefangene gecoacht, abgenommen, Yoga und Meditation versucht. Haft als Erdung und Entzug – die perfekte Wende nach all den Krisen. Frische Ware für das Volk und frisches Geld für Becker. Deal. Das Leben als Serie kann weitergehen.

Wie ist das Phänomen Becker zu erklären? Ganz sicher nicht nur mit einer Tenniskarriere. Da gab es größere. Aber kaum ein Sportler ist so eng mit seinem Land verknüpft, als Spiegel, als Projektionsfläche, als lebendes Mahnmal. Boris Becker ist wie Deutschland, fleißig und gedankenlos, großspurig und kleinlaut, ebenso versessen aufs Gestern wie zukunftswackelig. Die Story begann mit diesem epischen Triumph an jenem 7. Juli 1985, woraufhin ihn die Nation unter Lorbeer begrub und Großdichter Martin Walser ein Heldenepos hauchte. Bis heute wird dieser Sieg aufgepumpt zum Symbol für jene gute alte Zeit, als junge Menschen noch Ziele hatten, als weder Internet noch Pandemie nervten und Deutschland auch im Fußball noch wer war. Dem Stürmen und Drängen folgten zahllose Dramen, die jedoch durchweg endeten wie der allererste Hecht: Der Kerl stand einfach wieder auf. Und das ist nicht so einfach.

Mit 17 Wimbledon. Das heißt: mit spätestens 15 praktisch keine Schule mehr. Ein Leben auf dem Platz und außerhalb in den Händen des schlitzohrigen Managers Tiriac. Noch vor der Volljährigkeit liegen die Schienen für ein Leben in Prominenz, mit Paparazzi rund um die Uhr – wahrscheinlich der härteste Charaktertest unserer Tage. Das Drama eines Kinderstars manifestiert sich in dem brutalen Gefühl, das Beste hinter sich zu haben.

Boris Becker hat eine Rolle gefunden: Er ist Star seiner eigenen Serie. Er macht sein Leben, ganz oben, ganz unten, zu unserem. Und die Spannung bleibt. Was geschieht nach der Leimener Weihnacht mit Mutter Elvira? Der nächste Neuanfang oder wieder eine Bruchlandung? Becker hechtet weiter, Satz um Satz. Wir bleiben gespannt. Und er steht wieder auf.

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Quelle : Presseportal.de

 

 

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