Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz: „Die Linke hat ihre Mission vergessen“

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Hamburg (ots) – Joseph E. Stiglitz wirft Politikern des linken Spektrums vor, ihre Ziele aus den Augen verloren zu haben: „Vertreter der politischen Linken haben jahrelang versucht, die Perspektive des Marktes einzunehmen und mit seinen Vertretern zu interagieren“, sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger im Interview mit dem „Greenpeace Magazin“. So seien viele geworden wie ihre ehemaligen Kontrahenten, die sie eigentlich kritisieren sollten. „Darüber hat die politische Linke ihre Mission vergessen.“

Zwar lehne er Handelsverträge wie TTIP nicht grundsätzlich ab, erklärte Stiglitz. Er sei aber gegen Abkommen, so wie sie vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama verhandelt worden seien, die dazu beitrügen, „dass Regulierungen geschleift und beispielsweise Naturschutzgesetze erschwert werden.“

An den Abstiegsängsten vieler Menschen sei nicht die Globalisierung als solche schuld, sondern ihre Ausgestaltung. „Es liegt in der Verantwortung der Politiker – auf lokaler und europäischer Ebene – Menschen zu helfen und Arbeitsplätze zu schaffen.“ Die skandinavischen Länder stünden besser da als ihre europäischen Nachbarn, weil sich dort Politiker dazu entschieden hätten, „den Reichtum, der auch durch die Globalisierung entstanden ist, gerechter zu verteilen.“

Die jüngsten Wahlerfolge von Populisten erklärt Stiglitz damit, dass sie die einfachere und damit attraktivere Erzählung hätten: „Für viele Menschen scheint es, als hätte die Rechte eine Vision der Zukunft, die Linke aber nicht mehr.“ Stiglitz äußerte Verständnis für die Wut von Menschen, deren Arbeitsplätze durch die „zügellose Globalisierung“ abgesogen worden seien. „Aber es ist natürlich nicht gerechtfertigt, dass sie die Schuld dafür bei noch Schwächeren suchen.“ US-Präsident Donald Trump schüre mit seiner Aufkündigung von Regeln der globalen Zusammenarbeit Chaos, erklärte Stiglitz. „Er bevorzugt den Weg der Zerstörung. In seiner Welt ohne Regeln siegt aber immer der Starke über den Schwachen.“

„Um Ungerechtigkeit, Armut und soziale Verwerfungen zu lindern, benötigen wir einen neuen sozialen Gesellschaftsvertrag“, sagte der ehemalige Chefökonom der Weltbank. „Weltweit müssen wir Länder und Kommunen dabei unterstützen, faire Gesellschaften zu konstruieren. Auch indem wir die globalen Märkte zähmen, etwa mit einer globalen Wettbewerbsbehörde mit eigenem Wettbewerbsrecht.“

Das komplette Interview ist in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins erschienen. Das Magazin für Politik, Umwelt und Wirtschaft ist journalistisch und wirtschaftlich unabhängig – vom Greenpeace e.V. ebenso wie von Anzeigen.

Joseph E. Stiglitz, geboren 1943, erhielt 2001 den Wirtschaftsnobelpreis. Er ist Professor an der Columbia University in New York, wo er mit seiner Frau Anya lebt.

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Bilder „Wir sind Wertheim“ , am Marktplatz ,11.September.2011